Projekt: Typisch Belarussisch? Drei Wochen im Wald mit "Verschiedene-Gleiche"

Hans-Ulrich Probst, Minsk-Freiwilliger 2008/2009, berichtet über das Sommerlager "Runder See", das jährlich von unserer Partner-Organisation "Verschiedene-Gleiche" veranstaltet wird.

Typisch belarussischer Sommer: Es ist relativ mild, jedoch feucht, die Fliegen werden schnell zu kleinen Plagen. Wir befinden uns an einem idyllischen Ort: im Fichtenwald im Hinterland von Minsk direkt an einem kleinen See gelegen. Ältere Frauen ziehen täglich los, um Eimer voller Blaubeeren zu sammeln. Doch typisch belarussisch ist jährlich während knapp drei Wochen im Juli ganz und gar nichts.

„Krugloe ozero“ (Runder See) - für viele körperlich eingeschränkte Belarussen sind diese zwei Worte schon seit nun elf Jahren das Ein und Alles im Sommer. Für einige Tage ist es möglich, sich aus dem Alltag Weißrusslands zu verabschieden oder bei inhaltlichen Diskussionen den Austausch mit anderen Menschen zu suchen. 35 junge Teilnehmer aus allen Teilen des Landes, behindert und nicht behindert, leben in einer kleinen Stadt aus Zelten gemeinsam, gestalten ein inhaltliches Programm und verbringen die Abende am Lagerfeuer.

Die Bildung einer Gemeinschaft, die alle berücksichtigt, steht klar im Vordergrund: Abends am Lagerfeuer wird ein Pantomime-Spiel vorgeschlagen. Ohne Worte müssen Begriffe erklärt werden. „Entschuldigung, aber hier sind auch Blinde unter uns, lasst uns etwas Anderes spielen, an dem alle teilnehmen können,“ unterbricht die 24jährige Rollstuhlfahrerin Tonia. Jeder versucht so, wie er kann, seine Kompetenzen und Fähigkeiten einzusetzen.
Der Leiter des Lagers, Wadim Koloshkin, geht dabei sehr kritisch und offen mit allen Teilnehmern um. Er selbst ist durch Kinderlähmung gehbehindert, hat jedoch mit viel Motivation und Aktivität die Organisation „Raznye-Ravye“ (Verschiedene-Gleiche) aufgebaut und kennt die alltäglichen Sorgen und Problemen eines Behinderten in Belarus. Offene Diskriminierungen auf der Straße, öffentlichen Ämtern oder auf der Arbeit sind keine Seltenheit. Die Vermittlung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl ist dem 29jährigen Minsker unglaublich wichtig.
Verschiedenste Themen werden diskutiert: Welche Ziele wollt ihr erreichen? Wie entstehen Stereotype, wie können wir selbst versuchen sie abzubauen? Welche Geschlechterbilder haben wir? Dabei verlangt er von den Teilnehmern Einiges ab. „Sascha, du beteiligst dich zu wenig – bitte nimm zu der Frage Stellung,“ fordert Koloshkin ihn lautstark auf. Den selben Anspruch hat er für ein vorbereites Planspiel: Die Teilnehmer leben in drei virtuellen Städten, für die sie Stadtverwaltungen, Berufe und soziale Systeme sich ausdenken müssen. Verträge werden abgeschlossen, Dienstleistungen finanziell von der Spielleitung belohnt. Auch hier wieder ein ähnliches Bild: Die Integration aller Teilnehmer ist unglaublich wichtig. Ein Kulturprogramm soll von jeder Stadt erarbeitet werden. Der gehbehinderte Dima dichtet einen Rap und trägt ihn der Gruppe vor, die blinde Natascha rezitiert Gedichte und die Studentin Lena überlegt sich ein Quizspiel.

Auch neben dem Programm in der knapp bemessenen Freizeit erkennt man schnell die vorherrschende Mentalität der Einbeziehung. Die Teilnehmer gehen zum Erholen im angelegenen See schwimmen. Viele gehen über das Jahr nirgends baden und befinden sich das erste Mal nach langer Zeit wieder in einem Badesee. Langsam lässt sich Natascha von einem der acht Freiwilligen ins Wasser begleiten. Er spricht ruhig auf die Blinde ein, dass sie sich nicht zu fürchten habe, und hält sie an beiden Händen. Widerwillig geht sie im seichten Wasser in die Knie und unter ängstlichen Lauten versucht sie sich auf den Rücken zu legen. Als sie keinen Kontakt mit dem Boden mehr spürt, fängt die studierte Historikerin an, um Hilfe zu schreien, klammert sich mit aller Gewalt an dem Freiwilligen fest, der sie zurück zum Ufer begleitet. Freudestrahlend sitzt sie am Ufer und nimmt sich vor, sich am morgigen Tag noch einmal ins Wasser zu wagen, für den Fall, dass ein Freiwilliger ihr hilft.

Die acht jungen Menschen, die sich aus fünf Nationalitäten zusammensetzten, hatten das gesamte Lager mit Speisezelt, Küche, Schlafzelten, Dusche und sogar behindertengerechten Toiletten in fünf Tagen aufgebaut. Während des Lagers waren die Freiwilligen gleichzeitig Unterstützer für alle Behinderten, die Hilfe in verschiedenen Situationen benötigten.
Nach zehn anstrengenden und inhaltsreichen Tagen reisen die Teilnehmer wieder ab. Mit im Gepäck viele neue Bekanntschaften und vor allen Dingen Erfahrungen, die allen sehr hilfreich im typischen Alltag in Belarus sein werden.

© 2009 kanikuli e.V.