Projekt: Fachkräfte-Austausch "Andere Arbeitsweisen" 2008

Hier geht es zum zweiten Teil des Austausches.

Intensive und vielseitige Einblicke in die deutsche Behindertenarbeit und neue Perspektiven für ihre Arbeit in Weißrussland - das erhofften sich die zehn belarussischen Teilnehmer, die an unserem Austauschprogramm Andere Arbeitsweisen teilgenommen haben. Vom 22.11. bis zum 5.12.2008 hospitierten die Fachleute in verschiedenen Einrichtungen der Behindertenarbeit in und um Bremen.

Zu den besuchten Einrichtungen gehörten neben der vielseitigen Behindertenorganisation "Martinsclub" ("Wohnen", "Bildung und Freizeit", "Assistenz in Schulen") und der "Lebensgemeinschaft Johannishag" (individuelle Wohngruppen, unterschiedliche Werkstätten), die jeweils ein mehrtägiges Programm organisierten, die "Lebenshilfe Bremen", die "LAGS", "Selbstbestimmt Leben", "Integrationsförderung e.V.", die "Tobias-Schule", die "Werkstatt Bremen (Martinshof)" und das "Blaumeier-Atelier". Desweiteren gehörten aber auch kulturelle Veranstaltungen zu den Programmpunkten.

Der Austausch wurde von allen Beteiligten als insgesamt erfolgreich angesehen, auch wenn es einige Probleme, z.B. innerhalb der Gruppe, zu lösen gab und das Programm von manchen als zu voll empfunden wurde. Für alle Teilnehmer waren interessante Programmpunkte dabei und das primäre Ziel des Austauschs, einen vielseitigen Einblick in die deutsche Behindertenarbeit zu ermöglichen, wurde vollends erfüllt.

Hier ein paar Stimmen belarussischer und deutscher Teilnehmer über den Austausch:

„… Die Fahrt nach Bremen hat mir sehr gut gefallen. Mir sind sehr viele Eindrücke von dem Gesehenen geblieben. Ich habe viel Neues für mich selbst entdeckt und erfahren. Viel Interessantes gesehen und gehört. Und nicht nur das. Mich hat die Sorge um die Menschen mit Behinderungen berührt, ebenso die große Anzahl an Organisationen, die sich in Deutschland mit diesem Problem beschäftigen."
Marina Melianets (Ergotherapeutin im Behinderteninternat "Novinki")

„…Wir standen in einer der Werkstätten, die wir besuchten, und vor einem Tisch, an dem die gefertigten Kunststücke ausgestellt waren, und sprachen über ihre Arbeit in einer Werkstatt in Belarus. Und sie fragte mich, was ich an der Arbeit in diesem Bereich am schwierigsten fände. Das Gefühl, dass die Zeit nie reicht, weil nie das Persos man aufgibt und aufhört, gut zu arbeiten, sagte ich. Wir schwiegen beide.
Ja, sagte sie nachdenklich. Aber weißt du, dass ich zum ersten Mal hier das Gefühl habe, dass es die Leute in dieser Werkstatt, in dieser Einrichtung geschafft haben. Und dass ich jetzt weiß, dass es möglich ist das zu erhalten. Und dass es sich lohnt, sich darum zu bemühen.
Dieser Satz hat alle meine Erwartungen an das Ziel dieses Austausches bei weitem übertroffen. Weil er mir das Gefühl gibt, dass wirklich etwas angefangen hat sich zu bewegen.“

Susanne Greischel (begleitendes Vereinsmitglied)

„… Der Austausch machte es möglich, eine Zeitlang das Gefühl der Ausweglosigkeit aufzugeben; und gab uns wenn auch keine Hoffnung, so doch wenigstens eine Vielzahl an Anregungen für unsere Arbeit ... ich möchte mich von ganzem Herzen bei den Organisatoren des Austauschs für ihren vorbildlichen Mut und ihre Geduld im Prozess der Vorbereitung und Durchführung des Austausch-Programms danken. Sie haben sehr harte Arbeit geleistet und die Ergebnisse dieser Arbeit könnten keinen der Teilnehmer gleichgültig lassen.“
Daria Eskevitsch (Defektologin, Ergotherapeutin im Behinderteninternat Novinki)

„… Wichtig ist meiner Meinung nach ebenfalls, dass wir nach dem Besuch in Bremen eine neue Projektidee entwickelt haben, die wir gemeinsam mit der deutschen Organisation „Martinsclub“ realisieren möchten, welche wir während des Austauschs kennen gelernt haben. Für mich war die Idee des Martinsclubs absolut neu, eine „leichte Sprache“ (vereinfachte Sprache, die auch für Menschen mit geistigen Behinderungen verständlich ist) in einer Zeitschrift für Menschen mit Behinderungen zu benutzen, und eine zweite Version der Internetseite auf dieser Sprache zu veröffentlichen.“
Polina Galausova (Mitglied der Organisation "Raznye Ravnye", die sich vor allem für die Integration Körperbehinderter einsetzen)

"Sie tanzen im blauen Licht der Scheinwerfer. Eigentlich kann er nur im Rollstuhl sitzen. Er hat nur ein Bein. Seine Hände sitzen direkt an den Schultern. Jetzt tanzt er mit ihr. Ohne Rollstuhl. Im blauen Licht zur Unterwassermusik. Sie rollen umeinander, lassen die Arme kreisen. Sie lässt sich völlig auf ihn ein. Gemeinsame Bewegungen der sonst so verschiedenen Körper.
Ich sitze im Publikum eines Tanztheaters in Bremen und bin angerührt von der Schönheit der Körper, die im Einklang miteinander sind. Neben mir sitzt Dima aus Belarus. Solchen Tanz der Gleichberechtigung der verschiedenen Körper habe ich dort nie erlebt. Dima hat auch eine körperliche Behinderung. Er sieht genauso fasziniert zu wie ich."

Marie Hecke (begleitendes Vereinsmitglied)

Ende Oktober dieses Jahres findet ein Rückaustausch statt, zu dem zehn Mitarbeiter der Bremer Behindertenorganisationen nach Belarus reisen, wo sie an einem Programm zur dortigen Behindertenarbeit teilnehmen werden.

Eine Pressemitteilung zum Austausch mit dem ursprünglichen Programm finden Sie hier.

Der Austausch "Andere Arbeitsweisen" wurde vom "Kontaktprogramm Belarus" der "Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO)" gefördert.

Der DGO (die auch eine Förderung des Rückaustauschs übernimmt) und allen Projektpartnern und Gastfamilien sei an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich gedankt!

Simon Stephan

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