Projekt: Hilfe für „besondere“ Mütter

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Interview: Ruslan Ananyeu, Übersetzung Charlotte Sautier


Eine Selbsthilfegruppe für Eltern mit Behinderungen gründet sich nach Bremer Vorbild im belarussischen Vitebsk.
Olga Fateeva aus Vitebsk war zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn vor kurzem in Bremen, um von den dortigen Erfahrungen mit der Gründung und Weiterentwicklung von Selbsthilfegruppen für junge Mütter mit Einschränkungen der physischen Fähigkeiten zu lernen.
Ihrer Meinung nach könnte man solche Selbsthilfegruppen auch in Vitebsk einführen, wo sie großen Nutzen bringen könnten: sowohl für „besondere“ Eltern und ihre Kinder, als auch für die staatlichen Organe.




Olga, inwieweit hat das, was du auf deiner Reise gesehen hast, deinen Erwartungen entsprochen? Was hat dich in Bremen am meisten beeindruckt und warum?

Ich war vorher noch nie so weit weg wie jetzt in Bremen, Deshalb war für mich so eine Reise ungewöhnlich und hat viele starke Eindrücke hinterlassen.
In Bremen habe ich bemerkt, wie sehr sich die Lebensbedingungen der Menschen mit Behinderungen und auch die Art, wie sich die Leute ihnen gegenüber verhalten von Deutschland zu Belarus unterscheiden. Zum Beispiel gab es in Bremen mehrere Situationen, in denen ich mich an Unbekannte wandte, um mit dem Finger auf die Karte deutend nach meinem Weg zu fragen. Ich kann gar kein deutsch und kommunizierte daher mit den Bremern durch Zeichen und Gebärden. Die fremden Menschen haben mich nahezu an der Hand genommen und bis zur richtigen Haltestelle geführt. In Vitebsk könnte ich kaum auf eine solche Hilfsbereitschaft von Unbekannten zählen. Bei uns begegnet man Menschen mit Behinderungen mit Vorurteilen.
In meiner Heimatstadt wird jedes Jahr im Juli zehn Tage lang das Festival „Slavischer Basar“ veranstaltet. In dieser Zeit bemühe ich mich, möglichst selten durch die Straßen zu gehen oder sogar ganz aus der Stadt wegzureisen. Der Grund ist, dass ich nicht besonders sicher laufe. Und während des Festivals sind auf den Straßen viele Milizionäre unterwegs. Wenn die meinen wackeligen Gang sehen, halten sie mich oft auf und überprüfen, ob ich betrunken bin. Das ist sehr unangenehm für mich.

Warum unterscheiden sich die Menschen in unseren Ländern?

Das ist alles eine Frage der Mentalität. Viele Einwohner von Vitebsk haben nicht genügend Geld, nicht genug Wärme in der Seele, kein Vertrauen in den morgigen Tag. Dadurch sind sie verbittert, kümmern sich in erster Linie um sich selbst.

Wo liegt der Hauptunterschied zwischen den Stadtstrukturen (zB. Straßen, Bürgersteigen, Nahverkehr, Wohnungen) von Vitebsk und Bremen in Bezug auf Barrierefreiheit?

In Bremen sind die Voraussetzungen so, dass sich Menschen mit Behinderung wohl fühlen. Das liegt am öffentlichen Nahverkehr, an den Bürgersteigen, den Treppen und an vielem mehr. In Vitebsk erinnert die unpassende städtische Umgebung mich fast bei jedem Schritt daran, dass ich nicht so bin, wie alle anderen. Dabei gibt es in meiner Stadt viele Menschen, die auf Krücken gehen oder im Rollstuhl sitzen. Für die ist es noch schwerer, als für mich. Aufgrund der vielen Barrieren kann man in den Straßen von Vitebsk nur selten einen Menschen mit Behinderung treffen. Solche Menschen sind dazu verdammt, daheim in den eigenen vier Wänden zu sitzen und wenig Kontakt zu anderen zu haben.

Worin unterscheidet sich Bremen noch fundamental von Vitebsk?

In der Einstellung von staatlichen Organen gegenüber Menschen mit Behinderung. Die deutsche Regierung unterstützt nicht nur finanziell, sondern fördert auch die Entwicklung von Menschen mit Behinderungen und ihre aktive Einbindung in die Gesellschaft. Und die Gründung von Selbsthilfegruppen ist hier einer der wichtigsten Impulse. Solche Gruppen bringen großen Nutzen, auch für Frauen mit Behinderung, die Kinder aufziehen. Ich habe selber Probleme mit meiner Gesundheit und bin Mutter eines Sohnes. Daher war es für mich interessant, speziell die Aktivitäten der Bremer Selbsthilfegruppen kennen zu lernen, die „besondere“ Mütter zusammenbringen.

Welchen Einfluss hatte die Reise auf deinen Sohn? Wie hat er sich in Bremen verhalten? Was hat ihm besonders gefallen, ihn erstaunt?

Er war von vielem entzückt. Für ihn war es interessant, Zug zu fahren, zu fliegen. Er ist erst drei Jahre alt, deshalb hat er nicht in vollem Umfang verstanden, was die Reise bedeutet. Für ihn war es ein großes Abenteuer.
An einfachen, alltäglichen Dingen hat ihn erstaunt, dass es jedes Mal, wenn wir in Bremen in die Straßenbahn oder in den Bus stiegen, dort freie Plätze gab, auf die man sich setzen konnte. In Vitebsk ist es oft so, dass die Plätze alle besetzt sind und ich im Stehen fahre und dabei meinen Sohn an der Hand festhalte. Der Junge hat den Unterschied in Bremen bemerkt und mich darüber sogar ausgefragt.

Welche der Erfahrungen, die du auf der Reise gewonnen hast, möchtest du in Vitebsk in die Praxis umsetzen und wie soll das aussehen?

Ich habe zum Beispiel Ideen bekommen, wie man in Vitebsk eine Selbsthilfegruppe für junge Mütter mit Behinderung organisieren könnte. Dabei das Niveau von Bremen zu erreichen wird schwer werden. Aber schließlich musste auch in Deutschland irgendwann vom Punkt Null aus begonnen werden.
In Bremen treffen sich Mütter und ihre Kinder, besprechen Probleme. Einige trinken nur ein Tässchen Tee, essen Kekse und unterhalten sich. Und das nützt ihnen.

Welchen Nutzen hätte deiner Meinung nach die Organisation von Selbsthilfegruppen in Vitebsk?

Ich habe eine begrenzte Erfahrung im Umgang mit Kindern, in ihrer Erziehung. Daher wäre es für mich interessant, die Ratschläge anderer junger Mütter, neue Methoden und Hilfsmittel für die Entwicklung der Kinder kennen zu lernen. Besonders wichtig ist es, sich zu überlegen, wie man dem Kind richtig erklärt, dass seine Mama oder sein Papa besonders sind, eine Behinderung haben. Ich denke, man muss das Kind psychologisch so festigen, dass es sich nicht für seine Eltern schämt und gut mit ihnen reden kann.
In einer der Selbsthilfegruppen, deren Arbeit ich in Bremen kennengelernt habe, wurde versucht, vom frühen Kindesalter, beinahe von Geburt an, die Kinder darauf vorzubereiten, dass sie sich im Erwachsenenalter um ihre behinderten Eltern kümmern, sie versorgen. (Anm. d. Red.: Hierbei handelt es sich um ein Missverständnis. Die dargestellt Ansicht wurde in einem Gespräch als Negativbeispiel dafür genannt, was Selbsthilfeorganisationen teilweise unterstellt wird. Es ist aber ausdrücklich nicht der Ansatz dieser Organisationen) Ich denke nicht, dass man diese Erfahrung in Vitebsk nutzen muss. Ich wäre natürlich glücklich, wenn mein Sohn später eine Hilfe wird, eine Stütze im Leben. Aber ich möchte ihn in so einem jungen Alter nicht „belasten“, ein Kind sollte eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit haben.
In erster Linie wären Selbsthilfegruppen in Vitebsk nötig, um gemeinsam Probleme zu lösen, die psychologische sowie rechtliche Fragen betreffen und um vereint unsere Rechte zu behaupten.

Wem können Selbsthilfegruppen mehr nützen: den Kindern oder den Eltern?

In erster Linie den Eltern. Zusammen werden sie sicherer und stärker. Von der Gründung von Selbsthilfegruppen können aber auch lokale Regierungsorgane profitieren: Die Gruppen werden Probleme hör- und sichtbar machen, Wege zu ihrer Lösung vorschlagen und einen Teil der anfallenden Aufgaben selbstständig erledigen, ohne Hilfe des Staates.

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