Projekt: 10 Tage Zeltlager oder: Auch Behinderte können Urlaub

Eindrücke vom „Runden See“, Auszüge aus der „Slonimsker Zeitung“

Text: Alyona Alko, Übersetzung: Charlotte Sautier
Der Text ist auf Russisch in der Slonimsker Zeitung erschienen.


Seit 15 Jahren gibt es den belarussischen Verein „Raznye-Ravnye“ (Verschiedene-Gleiche). Ziel der Organisation ist es, nicht nur das Leben junger Behinderter, sondern auch der Gesellschaft an sich zu verbessern.
Eines der Projekte ist das Zeltlager „Runder See“, zu dem Jahr für Jahr Menschen mit diversen körperlichen Behinderungen, aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Weltansichten zu 10 Tagen Seminar zusammenfinden.


Der Start

Viele der Teilnehmenden begegneten sich zum ersten Mal am Bahnhof „Druzhnaja“. Während wir auf den Transport zum Zeltlager warteten wurden Neuankömmlinge von den bereits miteinander Bekannten wärmstens begrüßt. Dabei war es unmöglich, unsere Gruppe nicht zu bemerken: unter den gewöhnlichen Passanten waren wir äußerst ungewöhnlich: mit Laufstöcken, in Rollstühlen. Nicht nur einmal drängte sich mir der Gedanke auf: wie werden die wohl in der Natur, im Wald zurechtkommen, ohne sanitäre Einrichtungen...?

Der Tagesablauf

Um 8.00 wurden wir von einem deutschen Freiwilligen mit einem Flötenkonzert geweckt. Die frühen Lerchen sprangen für ein erstes Bad in den See, die Eulen ließen den Wecker Wecker sein, wurden aber spätestens eine Stunde später vom Ruf aus der Küche aus den Federn gejagt: „Früü-hüüü-stück!“.
Um 10.00 kamen wir zu einer Planungssitzung zusammen, auf der das pädagogische Programm besprochen wurde. Das Programm wurde vom Ruf zum Mittagessen, das heißt um 14.00 Uhr, ein erstes Mal unterbrochen.
Um 16.00 Uhr versammelte sich alles „im Karree“, dem „Konferenzsaal“, wo wir im Halbkreis saßen und uns berieten.

Programm

Gleich beim ersten Nachmittagsslot musste jeder seinen Namen auf zwei Zettelchen schreiben und dann zwei Zettel mit den Namen anderer Teilnehmer ziehen. So wurden jedem zwei „geheime Freunde“ zugelost, die ihn während der 10 Tage mit jeglicher Aufmerksamkeit bedachten, und er wiederum hatte die Aufgabe, sich um die zwei zu kümmern, deren Namen er gezogen hatte. Interessant war, dass, als vor der Abreise offenbart wurde, wer wen gezogen hatte, niemand hätte erraten können, wer wem Süßigkeiten und Aufmerksamkeit geschenkt hatte, weil eine aufmerksame Fürsorglichkeit eh zwischen allen geherrscht hatte.
Die Teilnehmenden erhielten Aufgaben der verschiedensten Art, und da wir zu dreißigst waren teilten wir uns in drei Gruppen auf. Wir überstanden sogar eine Wahl, die einer echten in nichts nachstand, in der der eine seine Rolle in der Wahlkomission hatte, der nächste einen Kandidaten spielte und so weiter. Außerdem beschäftigten wir uns mit verschiedenen Fragen zu Menschenrechten und Staat.

Musikalische Freuden

Etwas besonderes waren die afrikanischen Trommeln und Rasseln, die der Zeltlagerleiter, Vadim Koloshkin, mitgebracht hatte. Das Trommeln erwies sich als gar nicht mal so einfach. Nur mit Glück gelang es, einen Ton zu entlocken und in den Rhythmus der Musik zu kommen, und nur einzelne lernten die wahre Technik, mit dem Handteller auf die Trommeln zu schlagen. Außerdem gab es die Möglichkeit, das Spiel auf dem Didgeridoo auszuprobieren, einem der ältesten Blasinstrumente.

„Alle verschieden, aber gleich“

Wahrscheinlich findet man nirgends so viele Umarmungen wie in diesem Zeltlager. Wir umarmten uns jeden Tag, jeden, den wir trafen, und sagten uns gegenseitig dabei Nettigkeiten. Wie meine Begleiterin sagte: das ganze Jahr über bekomme sie nicht so viel Seelenfutter wie in diesen 10 Tagen.
Als wir uns verabschiedeten merkten wie, dass wir tatsächlich gleich geworden waren. Niemand musste sich ins Gedächtnis rufen, wie wer heißt, wie es in den ersten drei Tagen noch gewesen war. Und der Gedanke: „wie werden sie wohl zurecht kommen?“ schien mir plötzlich bescheuert. Natürlich kamen sie zurecht. Weil wir eine Einheit waren, wie eine Familie – alle verschieden, aber gleich.

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