Projekt: Kinderfreizeit für die Kinder von Nowinki 21.-27. Mai 2001

Am Anfang war die Idee. Die hatte Matthias, mein Vorgänger im Kinderheim für geistig und körperlich behinderte Kinder in Nowinki (bei Minsk). Genauso wie ich war er 18 Monate im Rahmen der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste Spielpartner und Betreuer für 30 recht lebhafte Kinder im Alter von 9 bis 22 Jahren.
Matthias plante eine Kinderfreizeit für die Kinder unserer Abteilung. Dies war eine Premiere in Nowinki: Die Kinder sollten gemeinsam mit anderen Menschen in einer anderen Umgebung eine Zeit lang leben, neue Eindrücke sammeln, Erfahrungen machen und einfach Freude haben.
Aber ohne Geld läßt sich ein solches Vorhaben nicht verwirklichen. Das wurde von Familie Brügmann und deren Verwandten und Freunden gestiftet.
Leider konnte Matthias die Freizeit während seiner Dienstzeit nicht veranstalten, da kein passender Ort gefunden werden konnte – die Lager waren entweder schon lange vorher ausgebucht oder die Leitung wollte keine Kinder aus Nowinki aufnehmen. Mit den gleichen Problemen sah ich mich konfrontiert, als ich das Projekt übernahm. Zum Glück hatte ich Kontakt zu einer studentischen Freiwillgenorganisation, die sich im sozialen Bereich engagiert. Gemeinsam mit der Leiterin dieser Organisation, Ludmilla Lasartschuk, gelang es, ein geeignete Ort für unseren Urlaub zu finden. Außerdem wurde diese Freizeit zu einem „interkulturellen“ Projekt, da wir beschlossen, dass jeweils 5 weißrussische und deutsche Freiwillige mitfahren.

Es waren aber noch einige Hürden zu überwinden, davon was das geforderte medizinische Attest, das in der kurzen Zeit gar nicht erbracht werden konnte, wohl die größte. Von den Mitarbeitern führen Oxana (eine Pädagogin), Swetlana und Ludmilla (Krankenschwester) mit. Da wir leider nicht alle Kinder mitnehmen konnten, mussten wir eine Auswahl treffen, was sehr schwer fiel. Ich hoffe, dass es für die zu Hause Gebliebenen ein nächstet Lager geben wird. Dann mussten noch Spiel- und Bastelsachen, Hygieneartikel etc. eingekauft werden. Aus Nowinki kam das bruchsichere Edenstahlgeschirr und die bewährten, wasserundurchlässigen Plastiklaken mit.
Montag, der 21. Mai, Beginn unserer Kinderfreizeit. In Nowinki steht alles in den Startlöchern. „Wo bleibt der Bus mit den Freiwilligen?“ Mit einiger Verspätung biegt dann endlich der Polizeibus (die Polizei sponsorte den Transport) mit den gutgelaunten Freiwilligen auf das Gelände ein. Gleichzeitig fängt es stark an zu regnen, was meine Hoffnung auf eine Woche mit schönem Wetter schwinden läßt. Nun werden die Kinder („Bitte mal durchzählen! – 15, alle drin“) und das Gepäck, darunter ein großer Sack Kleidung in dem Bus und einem Kleinbus verstaut. Mit den besten Wünschen der Dagebliebenen setzt sich der Tross in Bewegung.
Nach halbstündiger Fahrt, vorbei an Seen und Wäldern, kommen wir an unserem Ziel an – dem Erholungslager für Kinder mit dem typisch sowjetischen Namen „Sputnik“ (Pioniere trifft man hier aber nicht mehr; in dieser Woche findet in diesem Lager auch ein Seminar der Aktion „Jugend gegen Gewalt und Atomkraft“ statt). Nach abenteuerlicher Fahrt mit großem Bus auf kleiner Zufahrtsstraße stehen wir vor unserem zweigeschossigen Heim und nehmen es sofort in Beschlag. Das Haus wird in einer Hälfte von uns, in der anderen von einer Gruppe Gymnasiasten bewohnt. Die Kinder schlafen allein in 4-Bett-Zimmern – im Gegensatz zu den 15-Bett-Zimmern meiner Abteilung in Nowinki ein paradiesischer Zustand. Überhaupt ist dieses Haus gut für uns geeignet – es hat einen sicheren Treppenaufgang und ist auch nicht zu „fein“ für das Temperament unserer Kinder.
Nach dem Mittagessen und der obligatorischen Mittagsruhe erkunden wir erst einmal in Zweier-Gruppen die Gegend. Jeder Freiwillige hat ein „Patenkind“, für das er diese Woche verantwortlich und Spielpartner sein wird. Das Ferienlager liegt an einem Ausläufer des „Minsker Meeres“ (ein großer Stausee nord-westlich von Minsk) im Wals und besteht aus einigen Hauschen und einem großen Zentralgebäude, in dem auch die Verwaltung und der Speisesaal untergebracht sind. Das Essen nehmen unsere Kinder auch in unserem Haus ein, was sehr ruhig und gemütlich von statten geht.

Nach diesem Tag voller Eindrücke schlafen die Kinder halb acht zu ihrer gewohnten Zeit schnell ein. Nur die großen Jungs, Sergej (20) und Andrej (22) quatschen noch miteinander und spielen mit Autos. Die Kinder schlafen in dieser Woche erstaunlich lange und gut – fast ohne Aufwachen in der Nacht. Nur manche Kinder machen in der Nacht ein, was Oxana, Sweta und Luda viel Arbeit beschert und gemahnt, das nächste Mal mehr Pampers und vor allen Dingen die richtige Größe mitzunehmen. Bei solchen Arbeiten haben wir Freiwilligen geholfen. Dies könnte aber das nächste Mal noch besser organisiert werden.
Am Morgen des nächsten Tages werden Elvis (Freiwilliger) und ich von Angela (10) und Luba (6), den beiden Kleinsten, geweckt. Sie ziehen mit aller Kraft die Decken und uns fast ganz aus dem Bett. So einen Wecker hätte ich in meiner Zeit hier in Minsk öfter gebraucht.
Leider sind die ersten beiden Tage kalt und regnerisch, so dass wir an diesem Dienstagvormittag drin bleiben und gemeinsam ein großes Gemälde mit Fingermalfarben malen, was nach vollendetem Werk mit Widmungen stolz dem Fotografen präsentiert wird. Die Kinder, die gar keine Lust zum Malen hatten, vergnügen sich mit anderen Freiwilligen beim Ballspielen.

Die Kinder, die mitgekommen sind, stammen aus verschiedenen Abteilungen des Kinderheims. Aus meiner Abteilung kommen 9 Kinder – Roman, Alesia, Loscha, Dima, Katja, Kolja, Rita, Nadja und Valeri. Außerdem sind aud den anderen Abteilung die zwei großen Mädchen Julia und Tanja, die zwei kleinen „Süßen“ Angela und Luga und Andre und Serfej mitgekommen. So konnten wir Aktionen veranstalten, die wir mit meinen Kindern alleine nicht hätten machen können. Wichtig ist nur, alle Kinder bei diesem Spielen einzubeziehen.
Die Stimmung der Kinder hat sich in diesen ersten zwei Tagen merklich verbessert. Es wird viel gelacht. Besonders Valeri, unser einziger Rollstuhlfahrer, grinst auf allen Fotos über beide Backen, was man sonst bei ihm kaum sieht. Die Aufmerksamkeit beim Spielen und Basteln ist größer als sonst. Nadja, die gerne alles vom Rande beobachtet, läßt oft ihr hohes Lachen ertönen. Sergej, der einmal schluchzend, tränenüberstömt aus seinem Zimmer kam, und wie sich dann herausstellte, Heimweh hatte, wollte am Ende unserer Freizeit nicht mehr nach Haus.
Es gab aber auch Kinder, welche für die neue Umgebung weniger empfänglich waren. So ist Alesia ständig mit Papierfetzen und anderen Dingen beschäftigt, oder, wenn etwas Eßbares in der Nähe ist, versucht sie es zu erhaschen. Da sie als sehr kleines Kind nach Nowinki gekommen ist, mußte sie ihre Nahrung schon immer gegen andere verteidigen. Dementsprechend schnell wird das Essen dann auch verschlungen. Bei aElsia ist eine persönliche Betreuung besonders wichtig, obwohl das bei ihrer Unruhe schwierig ist.

Seit Mittwoch wurde das Wetter besser. Nach einem Bastelvormittag folgte am Nachmittag ein Spaziergang zu dem nahegelegenen kleinen Staudamm, wo wir picknickten. Bei solchen Ausflügen kam es auch zu Begegnungen mit anderen Urlaubern. Da Behinderte im öffentlichen Leben in Belarus kaum zu sehen sind, schauen die meisten Menschen uns neugierig, manchmal befremdet, machmal auch freundlich interessiert an. Es ist wichtig, daß es zu solchen Begegnungen kommt, um das Bewußtsein, die Akzeptanz und vielleicht auch die Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen mit einer Behinderung zu stärken. Obwohl ich anderes befürchtet hatte, wurden wir von den anderen Gästen nicht besonders schräg angeschaut. Unsere großen Jungs haben sogar einige Ballspielpartner unter den anderen Kindern gefunden. Die Leitung des Lagers war von Anfang an serh entgegenkommend. Bei der Suche nach einem Heim für unsere Freizeit hatten wir leider auch Absagen bekommen, zum Beispiel mit der fadenscheinigen Begründung: „Wir sind das ganze Jahr ausgebucht“, nachdem das Wort „Nowinki“ gefallen war.
Am Donnerstag ging es nach dem Frühstück und dem täglichen Frühsport auf eine Wiese am See, wo wir für das geplante Waldfest am Nachmittag die Kostüme bastelten. Die Kinder malten Flügel und Fühler für Käfer und Bienen, Fliegenpilzkappen und Entenhüte. Am Nachmittag brachte dann Oxana als Waldgeist mit viel Begeisterung die Kinder zum Tanzen und Singen und verteilte kleine Preise.
Am Freitag veranstalteten wir ein Sportfest, bei dem zwei Mannschaften jeweils gegeneinander antraten. Jeder kämpfte nach seinen Möglichkeiten mit oder ohne Hilfe eines Freiwilligen. Auerdem boten die weißrussischen Freiwilligen kleine Theaterstücke das, wie zum Beispiel „Der Rabe und der Fuchs“. Die weißrussischen Freiwilligen waren 5 Studentinnen aus der Pädagogischen Universität in Minsk , die sich alle in ihrer Freizeit in einer Organisation engagieren, der vor allem mit behinderten Kindern arbeitet. So werden zu Festtagen, wie dem Kindertag oder Weihnachten, kleine Programme in Kinderheimen und –krankenhäusern aufgeführt. Außerdem arbeiten einige der Mitglieder regelmäßig in diesen Einrichtungen. Diese Freiwilligenarbeit ist eine sehr hoch einzuschätzende Pionierleistung, da diese Bewegung in Belarus noch am Anfang steht. Die gemeinsame Arbeit von weißrussischen und deutschen Freiwilligen bei dieser Freizeit hat allen viel Spaß gemacht und wird auch schon in der neuen Generation von deutschen Freiwilligen fortgesetzt.
Der Sonnabend, unser letzter „voller“ Urlaubstag, war für mich ein besonders schöner, da meine Idee, die Kinder reiten zu lassen, Wirklichkeit wurde. Nacvh dem Frühstück warteten wir gespannt vor unserem Haus, bis endlich das Pferd mit Reiterin sichtbar wurde, als es den leichten Hügel zu unserem Haus herauftrabte. Danach ritten alle, die wollten, die Kleinen mit einem Betreuer, entlang der Uferpromenade. Manche schauten am Anfang etwas unsicher vom Pferd ´runter, wollten am Ende aber doch noch ein zweites Mal. Nach dem Mittagsschlaf gab es dann einen zweiten Höhepunkt an diesem Tag – ein Lagerfeuer direkt am See. Während Brot über und Kartoffeln im Feuer brutzelten, sangen (vor allem) die Studentinnen melancholische Lieder. Ludmilla, unsere Krankenschwester, eine sehr aktive, ältere Frau, kannte die meisten. Bei wärmenden, spätnachmittaglichen Sonnenstrahlen feierten wir schon mal Abschied vom „Sputnik“.

Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns nach einem entspannten, sonnigen Vormittag auf „unserer“ Wiese vom Lager. Zuerst brachten wir die Kinder nach Nowinki. Dieser Teil der Fahrt war noch sehr fröhlich, Lieder wurden gesungen. Aber als wir die Kinder in Nowinki zurückließen, fielen die ersten Tränen. Auf der Weiterfahrt der Freiwilligen ins Zentrum von Minsk wurde kein Wort gesprochen und mir steckte in dicker Kloß im Hals. Obwohl ich wußte, daß ich die Kinder schon am nächsten Tag wiedersehen würde, merkte ich, daß etwas sehr Schönes gerade zu Ende gegangen war.
Dank dafür im Namen aller Freiwilligen und Kinder gilt besonders: Oxana, Ludmilla, Swetlana aus Nowinki, Ludmilla Lasartschuk, Familie Brügmann und ihren Spendern, der Leitung des „Sputnik“ und des Kinderheimes...

Jörn Zinßer

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