Projekt: Wiedersehen der erwachsenen Kinder

Welt ohne Grenzen feat. Kanikuli e. V.

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Text: Elena Belyavskaya
Übersetzung: Daniel Marcus


Am Anfang stand eine tolle Idee:

Ein Treffen organisieren für Freunde, die sich lange nicht gesehen haben. Für Jungs und Mädels, die gemeinsam im Kinderheim in Novinki aufgewachsen sind und später auf verschiedene Einrichtungen für Erwachsene verteilt wurden. Die einen gingen ins Erwachsenenheim №3 in Novinki, andere ins Erwachsenenheim №1 in Ostroschizki Gorodok. Freunde, die viele Jahre unter einem Dach lebten, waren nun weit weg voneinander und hatten keine Möglichkeit, einander zu treffen. Sie vermissten die Zeit, die sie gemeinsam im Kinderheim verbracht hatten. Daher wurde beschlossen: Man müsste alle mal wieder an einen Ort holen!

Die Organisation des Treffens brauchte seine Zeit, vieles wurde zum ersten Mal gemacht, denn keiner hatte Erfahrung darin, wie man eine Ferienfreizeit durchführt, so komplett ohne Hilfe des Heimpersonals. Am schwersten war es, Freiwillige zu finden. Der Zeitraum für das Sommerlager fiel auf den September – bei den Studenten begann das neue Semester, bei den Berufstätigen endete der Urlaub. Daher waren wir zunächst nur drei Freiwillige auf 25 Teilnehmer. Hardcore! Wir lernten uns erst zu Beginn der Ferienfreizeit kennen und wussten noch nicht so recht, was da auf uns zukommt. Anfangs kümmerten wir uns nicht nur um das Freizeitangebot, sondern auch um die komplette Pflege der Teilnehmenden. Das war erstmal ein Schock – ob wir das alles schaffen würden? Und irgendwann kam die Erkenntnis, dass es keine Alternative gibt: Den Teilnehmern soll es gut gehen, also schaffen wir das auch.

Der erste Tag verging traditionell wie im Flug: Morgens kamen wir etwas früher im Rehabilitationszentrum „Rostok“ an, luden unser Gepäck aus und machten uns mit den Jungs und Mädels aus dem Erwachsenenheim №3 bekannt. Alle waren sehr offen, kontaktfreudig und freuten sich, dass wir angekommen waren. Ljoscha Tarasewitsch, ein Mitarbeiter von Welt ohne Grenzen, der lange Zeit im Kinderheim gearbeitet hatte, machte uns mit allen Teilnehmenden bekannt, half bei der Zimmeraufteilung und den unvermeidlichen organisatorischen Problemen. Dann gingen wir erstmal auf den Hof, spielten „Heiße Kartoffel“, schaukelten und hörten Musik. Und nach dem Abendessen gab es Disko!!!

Am nächsten Morgen kamen dann die Jungs und Mädels aus dem ersten Heim. Und wieder das gleiche Prozedere: alle empfangen, auf die Zimmer verteilen und kennenlernen. Hinzu kamen Aufgaben, zu denen, wie sich zeigte, noch keiner von uns große Vorkenntnisse mitbrachte. Begleitpersonen aus den Heimen waren keine anwesend und so fielen alle Fragen bezüglich der Hygiene auf uns drei. Wir lernten, wie man Pampers wechselt, andere füttert und ihnen die Zähne putzt. Wir lernten auch gemeinsam zu arbeiten, einander zu helfen, Hilfe anzunehmen, Aufgaben zu verteilen und unsere Tage zu planen. Dabei geschahen auch Schnitzer und am Ende eines Tages konnte man düstere Gedanken bekommen. Aber letztlich zählte das Ergebnis: All jene, derentwegen wir all das machten, waren glücklich. Sie freuten sich ob des Treffens, freuten sich, für eine Weile die gewohnten Lebensumstände tauschen zu können und wieder die Möglichkeit zum Spielen, Malen und Spazieren zu haben. Sie liebten uns und wir liebten sie. Sie haben uns oft geholfen. Sie machten es uns leicht, sie lieb zu gewinnen.

In den ersten zwei Tagen gab es viel zu tun. Aber wir bemühten uns auch freie Zeit zu finden und konnten die warmen Sonnentage des anbrechenden Herbstes genießen. Wir spielten gemeinsam draußen Ball und Badminton, ließen Seifenblasen steigen, bemalten den Asphalt mit Kreide und machten Bekanntschaft mit anderen Urlaubern.

Am Samstag regnete es, sodass wir im Haus blieben. Den halben Tag verbrachten wir in der gemütlichen Werkstatt, hörten Musik, quatschten und malten. Es kamen allerlei Leute vorbei, alle wollten sie mit uns Zeit verbringen ... und so verging ein weiterer toller Tag. Wir erfuhren so, dass der unauffällige, stille Anton wunderschön malen kann und nichts lieber macht als das.

Seitdem haben wir ihn nur noch beim Malen gesehen: im Sitzen, im Stehen oder manchmal auch auf dem Bett liegend. Sein Zimmer füllte sich mit tollen bunten Malereien. Anton begann aufzublühen. Anfangs war er der schüchternste von allen, meist zurückgezogen, aber sobald die Buntstifte auftauchten, tauchte auch ein Lächeln in seinem Gesicht auf. Anfangs waren wir uns nicht sicher, ob er überhaupt hier sein möchte, mit uns, ob er überhaupt begreift, was hier passiert. Jetzt wissen wir es: Ja! Er bekam die Möglichkeit, seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen und sich selbst auszudrücken. Ja, er fühlt sich wohl! Und das ist das Wichtigste.

Am Sonntag kamen die Trickfilmzeichnerinnen Mascha und Katja zu uns! Das sind alte Bekannte. Viele der Jungs und Mädels kannten sie noch aus dem Kinderheim und freuten sich sehr, sie zu treffen und mit ihnen Fische für einen Zeichentrickfilm zu malen. Andere spielten währenddessen Fußball mit Ljoscha und Artur. Und einige musste man auch mit Kitzeln und Späßen vom Sofa locken, um sie vom Fernseher wegzubekommen.

Am Montag trafen wir dann die Freiwilligen Daniel, Alice und Pablo!!! Yippieh! Endlich waren wir alle komplett! Und gleich hatte man mehr Kräfte und Zeit! Sie brachten einen Haufen Spiele mit, Musik, Spaß und Freude!! Das Wetter blieb an den weiteren Tagen sommerlich warm, sodass wir die meiste Zeit draußen verbringen konnten. Die Tage vergingen wie im Flug, die Freizeit wurde mit jedem Tag lebendiger.

Am Mittwoch bereiteten wir uns gemeinschaftlich auf das Picknick zum Geburtstag von Mascha vor. Es kamen viele Gäste: Freiwillige aus den Heimen in Novinki, Mitarbeiter und Freiwillige von Welt ohne Grenzen. Mascha besorgte eine leckere Torte, alle haben Würste über dem Feuer gebraten, aßen allerlei Süßigkeiten und Kekse, dazu Gitarrenmusik und Gesang. Das war ein richtiges Fest!

Am Donnerstag gab es wieder viel zu tun – wir fahren nach Minsk! Schnell frühstücken, die schönsten Kleider anziehen und dann ab in den Bus!!!

Der erste Halt: das Planetarium! Allerlei Sterne und Sternbilder, die sich über die Jahreszeiten und Himmelsrichtungen verändern. Ein Nachthimmel mitten am Tag! Das gefiel allen sehr. Einige schafften es sogar, ein wenig zu schlummern unter dem Sternenhimmel und zu den Klängen der CocteauTwins.

Anschließend ein kleiner Spaziergang durch den Park, Mittagessen im Restaurant und wieder in den Bus – das Interessanteste war schließlich noch vor uns! Der Zoo! Da ging es los! Alle strömten in die unterschiedlichsten Richtungen los! Am spannendsten waren die Erdmännchen und die Affen – und das Zebra durften wir sogar streicheln. Nur die Fische konnten irgendwie nicht beeindrucken Die Tiere riefen einen solchen Begeisterungssturm hervor, dass keiner den Zoo mehr verlassen wollte. Schließlich deckten wir uns noch mit Eis ein und fuhren wieder Heim zum Abendessen. Auch dieser lange Tag neigte sich seinem Ende zu. In den Tagen darauf erzählten alle immer noch begeistert von der Exkursion.

Freitag war dann schon der letzte gemeinsame Tag. Es war ein wenig traurig, sich dem baldigen Ende bewusst zu werden. Aber wir ließen uns die Laune nicht verderben, empfingen neue Gäste und backten eine Torte! Das hatte was von einem Experiment: Im Laden vor Ort kauften wir alle Smetana auf, aber das reichte immer noch nicht, also erfanden wir flugs ein neues Rezept. Es wurde eine großartige Torte, die allen gefiel. Aber am allermeisten freuten sich Ljoscha, Tanja und Veronika von Welt ohne Grenzen, die uns besuchten. Abends haben wir ein Lagerfeuer gemacht und darüber verschiedene Leckereien gebraten. Ins Bett gingen wir natürlich erst spät.

Der Hauptprogrammpunkt für Samstag war das Taschepacken. Ljoscha brachte Kleidersäcke aus der Reinigung mit und eröffnete eine Auktion für die frisch gewaschenen Sachen. Allmählich packten wir unsere Sachen und verabschiedeten uns von all denen, die noch länger blieben. Wir begleiteten die einen noch ins Erwachsenenheim №1 nach Ostroschizki Gorodok, die anderen ins Erwachsenenheim №3 nach Novikni, bevor wir dann selbst nach Hause fuhren.

Und so endete die gemeinsame Zeit. Wir sind in dieser Zeit Freunde geworden, darum bin ich sicher, dass das nicht unser letztes Treffen war!

Dieses Projekt wurde ermöglicht durch viele kleine und große Spenden sowie eine finanzielle Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung. Wir möchten uns wie immer bei all unseren Unterstützerinnen und Unterstützern bedanken, denn ohne sie wäre unsere Arbeit nicht möglich.

© 2009 kanikuli e.V.