Projekt: Der Runde See 2017

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Text: Valeria Nikolachik
Übersetzung: Johanna Kerber


Unser Zeltlager – das ist ein kleines Leben im Wald, am Ufer eines Sees, weit weg vom städtischen Trubel. Das ist ein „offener Raum“, wo nur die Regeln gelten, die junge Menschen sich selbst aufstellen. Es lohnt sich einmal am „Runden See“ teilzunehmen um zu verstehen, dass für jede_n, der/die keine Angst vor Verantwortung hat, für eigene Belange einstehen kann und trotzdem auf die Meinung der Umgebenden hören kann, offen für Austausch, ehrliche Gefühle und neue Eindrücke ist, keine Behinderungen oder Einschränkungen gibt.

Das Programm des Lagers widmete sich der Erkennung, dem Ranking und der Suche nach Lösungen von Problemen. Während des Seminarprogramms sprachen wir gemeinsam mit den Teilnehmenden über Barrieren, die die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderungen erschweren und klärten, wie sich Stereotypien und Vorurteile auf das Leben junger Menschen auswirken. Wir sprachen darüber, was Inklusion ist und warum dieser Prozess nicht nur Menschen mit Behinderungen betrifft, sondern jede_n Verteter_in einer modernen Gesellschaft.

In diesem Jahr nahmen 49 junge Menschen mit und ohne Behinderung an dem Zeltlager teil.


Valeria Nikolachik: „Runder See“ - sich selbst und andere annehmen

Es ist noch keine Woche vergangen, seit ich vom Zeltlager „Runder See 2017“ zurückgekommen bin. Immer noch wache ich nachts auf und frage mich, warum ich nicht in einem Zelt bin. Immer noch, wenn ich über meine Haut reibe, taucht ein Geruch nach Lagerfeuer auf und verschwindet wieder. Die Stimmen der Teilnehmenden und ihrer Arbeiten klingen noch in meinem Kopf, wie sie über irgendwelche Kleinigkeiten schwatzen und wie diese dann gemeinsam zu etwas Großen zusammenlaufen. Nur kann ich einfach nicht verstehen, was das Wichtige ist, dass die Stimmen mir zutragen wollen und warum dieser Text mir helfen wird, das Wesentliche zu greifen und nie wieder loszulassen.

Als ich vor einigen Monaten die Informationen über das Zeltlager las, habe ich schnell das Bewerbungsformular ausgefüllt und mich dann wieder meinen Interessen gewidmet. Ich sollte für meine Arbeit Kommunikationsfähigkeiten erwerben. Aber während zehn Tagen des Zeltlagers habe ich so viel mehr erhalten, dass ich es komplett noch nicht in Wörter fassen kann, aber es sich tief auf einer Gefühls- und physischen Ebene eingeprägt hat.

Schon vor Ort erfuhr ich, dass dieses Zeltlager schon seit fast 20 Jahren stattfindet. Diese Erfahrung ist spürbar, weil die Organisation den Alltag der Teilnehmenden betreffend, ausgezeichnet war: bequeme Zelte für eine kleine Anzahl von Menschen, Isomatten und Schlafsäcke (sogar zwei für die Menschen mit kalten Füßen), sättigendes und leckeres Essen, zwei Toiletten, das Karee – der Ort an dem sich die Teilnehmenden treffen.

Die Organisator_innen und Freiwillige nehmen alle Verpflichtungen der alltäglichen Versorgung der Teilnehmenden auf sich, so dass diese sich darauf konzentrieren können, auf das Programm zu achten und aktiv an dem Seminarprogramm teilzunehmen.

Seminarprogramm: Ergebnis oder Vergnügen
Jeden Tag begann das Seminarprogramm genau um 9 Uhr morgens und ging mit kurzen Pausen bis 19 Uhr abends. Die Trainer_innen gaben die Linie vor, die Teilnehmenden nahmen alles entsprechend ihren Erfahrungen, Ambitionen und Anforderungen auf. Mir schien es, dass das Seminar, die Aktivitäten und Wettkämpfe, darauf abzielten, im Team zu arbeiten. In einem Team in dem jede Person anders ist, aber in der für alle abhängig ihrer Besonderheiten für ihn oder sie ein Platz gefunden werden konnte und musste. Und dabei musste man, um einen Platz zu finden, häufig sich selbst anstrengen: um Hilfe bitten, von den Anforderungen erzählen und Initiative ergreifen.

An einem der Tage kam es mir so vor, als würde ein psychologisches Experiment durchgeführt. Aber das war einfach nur ein schwerer Tag, den überstehend aber alle Teilnehmenden spürten, dass es mit Verdoppelung der Energie möglich ist, noch weiter zu kommen. Ich stand dem allen zu ernst gegenüber, aber ich bereue es nicht. Besonders gefielen mir die langen Reflektionen in den kleinen Gruppen, wo gemeinsam mit den Trainer_innen jeder erlebte Tag besprochen wurde, seine Erfolge und Probleme und über Gefühle gesprochen wurde. Für mich waren diese Reflektionsrunden fast wie kostenlose Gruppentherapiesitzungen. Ich strengte mich an, mein Verhalten bis ins Kleinste aufzudecken und nichts vor den anderen zu verstecken, mich nicht für meine Gefühle und Emotionen zu schämen. Vielleicht erhielt ich deshalb am letzten Tag Briefe mit Meinungen wie „zu sensibel“ oder „mehr Baldrian“.

Gleich, verschieden und verwandt
Zehn Tage auf dem Zeltlager „Runder See“ – das ist Nahrung für die Seele. Für jemanden, der aus der Ferne Natur erleben möchte, reichlich essen und sich bis zum Mittagessen ausschlafen will, für den ist das nicht der richtige Ort. Es ist ein integratives Zeltlager, an dem Menschen mit und ohne Behinderungen teilnehmen. Aber schon am zweiten Tag sind diese Grenzen, die heimlich von der Gesellschaft verordnet und aufgedrängt abgestreift. Alle kommen einander näher, alle werden leichter so angenommen, wie sie sind, ohne dass sie in Rahmen von „Normalität“ gepresst werden müssen, die eh nur in Köpfen existieren. Jede_r der Teilnehmenden wurde mir lieb und teuer und bekam einen Platz in meinem Herzen. Klar, klingt das pathetisch und vor dem Runden See hätte ich bei solchen Worten auch leise vor mich hin gelacht, aber so war es: die Grenzen sind verschwunden und haben Platz gemacht für gegenseitige Annahme.

Der „Runde See“ ist, trotz des ganzen Programms, der Gespräche und Unterhaltung, ein Ort für dich selbst. Auf dieser Waldlichtung, von einem See und Moor umgeben, ist ein starkes Pulsieren zu spüren, dass Widerhall im ganzen Körper spüren lässt und welches Spuren im Bewusstsein hinterlässt. Das alles kann man dank der Energie der Teilnehmenden und Freiwilligen, der Trainer_innen und Organisator_innen spüren, die sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort vereinigt. Danke!

Das Projekt wurde ermöglicht von unzähligen kleinen und großen Spenden, sowie einer finanziellen Förderung durch die Robert-Vogel-Stiftung.

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